Kristina Milz

„Todesursache: Flucht“ – 10.000 Bücher zum internationalen Tag der Menschenrechte

In den vergangenen 25 Jahren sind mehr als 35.000 Menschen auf der Flucht nach und in Europa ums Leben gekommen. Zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 gab Kristina Milz zusammen mit der Berliner Schriftstellerin Anja Tuckermann eine Liste der Toten (die belegten Fälle) in Buchform heraus. Milz und Tuckermann möchten mit dem Buchprojekt die Menschen dem Vergessen entreißen, um das Ausmaß dieser Tragödie besser zu fassen zu bekommen – und der Debatte um Flucht und Tod wieder ein menschliches Antlitz geben.

Zusammengestellt wurde die Liste von der Organisation UNITED for Intercultural Action. Die meisten Toten sind hier ohne Namen verzeichnet; Überlebende haben den Herausgeberinnen Namen genannt, die eingefügt wurden. Die mehr als 300 Buchseiten umfassende Liste ist um Porträts von Gestorbenen, Berichten von Überlebenden und Beiträgen von prominenten Gastautorinnen und -autoren wie zum Beispiel Heribert Prantl, Stephan Lessenich und Heinrich Bedford-Strohm ergänzt.

Das Buch wurde in einer Startauflage von 10.000 Exemplaren gedruckt und am 10. Dezember 2018 von Verbänden, Initiativen und Projekten, aber auch im Handel kostenlos verteilt, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Finanziert wurde diese Aktion mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, die auch die Initiative zu zahlreichen Andachten und Lesungen gab. Das Buchprojekt mit einem eigenen Blog, der zahlreiche Stimmen von Unterstützerinnen und Unterstützern versammelt, fand reges Medienecho. Im Frühjahr 2019 folgte eine aktualisierte Neuauflage.

Kristina Milz realisiert Lesungen aus dem Buch und nimmt an Podiumsdiskussionen teil. Zuletzt war sie beim Landsberger Ausstellungsprojekt „Kunst hält Wache“ beteiligt, eine Mahnung in Erinnerung an 75 Jahre Frieden in Deutschland.


Blick ins Buch

Wir leben in einer Zeit, in der europäische Politiker, das Gesicht zur Faust geballt, Flüchtende als „Touristen“ und Schutzbedürftige als „Menschenfleisch“ bezeichnen. In einer Zeit, in der Ehrenamtliche vor Gericht gestellt werden, weil sie Ertrinkende aus dem Wasser retteten, während Staaten ihrer Pflicht nicht nachkamen und die europäischen Regierungen alle staatlichen Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer eingestellt haben. In der Menschenwürde viel zu oft unwidersprochen als linker Kampfbegriff diffamiert wird.

Wir teilen eine Aussage, die häufig als populistisches Instrument missbraucht wird: In unserer Zeit geht es nicht länger um links oder rechts. Wir sind, und das ist furchtbar, an einem Punkt in der Debatte angekommen, an dem wir nicht mehr darüber reden, ob und wie die Integration schutzbedürftiger und neu angekommener Menschen in unserem Land gelingen kann. Europa diskutiert darüber, ob man Menschen leben oder sterben lassen soll. Das aber ist eine Frage, zu der man keine Meinung haben darf. Hier muss Gewissheit herrschen. In Wahrheit – und das ist unser Schluss – geht es heute um die Versicherung, dass ein Mensch von einem anderen als Mensch behandelt wird. Um die Herausforderung, ohne Angst aufeinander zuzugehen. Letztlich geht es allein darum, Mensch zu sein...

Kristina Milz und Anja Tuckermann: Europa, deine Toten

Der 32-jährige Salah J. hat seinen Sohn nie kennengelernt. Nie durfte er ihm über den schwarzen Haarflaum auf dem kleinen Kopf streichen, nie in seine großen dunklen Augen sehen. Das Baby ist in der Ägäis gestorben, mit ihm seine dreijährige Schwester und seine Mutter. Sie war Salahs Frau, ihr Name war Suzan…

Kristina Milz: „Es ist der schlimmste Fall meines Lebens“ – Porträt Suzan Hayider und Kinder

Sein Bild ging um die Welt, es ist die Ikone der größten humanitären Katastrophe unseres Jahrhunderts. Menschen haben es auf Mauern gesprayt, als Sandskulptur geformt, den schmalen Schultern in Gemälden Flügelchen verpasst. Das französische Satireblatt Charlie Hebdo hat es in Karikaturen dargestellt, der chinesische Künstler Ai Wei Wei nachgestellt. Über den Hashtag #HumanityWashedAshore – die Menschlichkeit an Land gespült – verbreitete sich das Bild innerhalb weniger Stunden bis in den letzten Winkel der Erde. Alan Kurdi: ein kleiner Körper ohne Leben, dunkelblaue Hose, karminrotes T-Shirt, winzige Turnschuhe; das Gesicht im nassen Sand. Man wird nicht vergessen, wie er dort lag, am Strand in der Nähe von Bodrum, diesem Urlaubsidyll der türkischen Mittelschicht. Alan war der Sohn von Abdullah und Rehan Kurdi, einem Ehepaar aus Damaskus. Er hatte einen Bruder, Ghalip, fünf Jahre jung, dessen Körper hundert Meter weiter angeschwemmt wurde. Auch die Mutter hat die Fahrt über das Mittelmeer nicht überlebt…

Kristina Milz: „Die Menschlichkeit an Land gespült“ – Porträt Familie Kurdi

Shafiqa bedeutet „die Mitfühlende“. „Sie war sehr respektvoll, aber sie war misstrauischer als ich“, sagt Mahbuba Maqsoodi. Und dann setzt die Münchner Künstlerin zu einer Geschichte über eine Freundschaft an, über die sie lange nicht gesprochen hat. Sie trägt die Erinnerung nicht auf der Zunge, aber sie trägt daran in ihrem Herzen.

Herat, Afghanistan, in den 1940er Jahren. Shafiqas und Mahbubas Väter besuchen dieselbe Schule. Die Familien der beiden Jungen symbolisieren unterschiedliche Gesellschaftsschichten: Shafiqas Vater, ein Jurist und Diplomat, entstammt dem grundbesitzreichen Bürgertum, der andere ist Sohn eines Intellektuellen. Letzterer, Mahbubas Vater, arbeitet später als Lehrer. Shafiqas Vater wird lange als Richter arbeiten und in lokalen und nationalen Gremien als Berater tätig sein, in späteren Lebensjahren verwaltet er seine Ländereien. Schon Shafiqas Großeltern hatten viele Angestellte, Bauern brachten die Feldfrüchte für die Familie ein. Der Großvater war ein angesehener Mann, der all seinen Kindern Bildung ermöglichte. Shafiqas Onkel, Fazal Haq Chaligyar, wird Anfang der 1990er Premierminister; die Familie Temori ist im ganzen Land bekannt...

Kristina Milz: „Meine geniale Freundin“ – Porträt Shafiqa Temori

Titelfoto: Kristina Milz

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