Kristina Milz

Operation Rache

Vor hundert Jahren erschossen in Berlin zwei junge Armenier die Kriegsverbrecher Cemal Azmi und Bahattin Schakir. Sie wollten den Genozid an ihrem Volk rächen, den die türkische Regierung während des Weltkriegs verantwortet hatte. Das Attentat öffnet den Blick auf eine überaus vieldeutige deutsch-türkische Geschichte.

IN: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 11.4.2022 (GASTBEITRAG „DIE GEGENWART“)

Berlin-Neukölln, Columbiadamm: „Schehitlik“, der Name der bekanntesten Berliner Moschee, die sich hier, ganz in der Nähe des Tempelhofer Felds, befindet, leitet sich vom türkischen Wort für Märtyrer ab. Direkt vor ihrem Eingang befindet sich ein helles marmornes Grabmal – mit islamtypisch dunkelgrünen Flächen und goldenen Lettern sticht es auf dem Friedhof deutlich hervor. Darin bestattet wurden Bahattin Schakir, ein Gründungsmitglied des seit 1908 im Osmanischen Reich regierenden jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt (KEF), und der einstige Gouverneur der osmanischen Provinz Trabzon Cemal Azmi. Beide kamen bei einem Attentat am 17. April 1922 in Berlin ums Leben – „ermordet durch armenische Terroristen“, wie die Grabinschrift auf Türkisch und Deutsch berichtet.

Waren nicht die Armenier die Opfer der Türken? Mehr als die Hälfte der 1,5 bis zwei Millionen Armenier sowie etwa 200 000 assyrische Christen waren 1915/16 im Osmanischen Reich Deportationen, Massenmord, Vergewaltigung und Versklavung zum Opfer gefallen. Diese zu rächen war das oberste Ziel eines armenischen Geheimkommandos: Die Operation „Nemesis“ war nach der griechischen Rachegöttin benannt und hatte sich gegründet, um die Hauptverantwortlichen für den Genozid zu töten.

Berlin-Charlottenburg, vor hundert Jahren: Arschavir Schirakian trägt ein kragenloses weißes Hemd, als er am Ostermontag zusammen mit Aram Yerganian aufbricht, um Schakir zu töten. Gegen Mitternacht öffnet sich die Tür des Hauses Uhlandstraße 80: Heraus tritt die Zielperson, Arm in Arm mit Cemal Azmi; hinter den beiden gehen Schakirs Ehefrau und Hayriye Hanim, die Witwe des vormaligen osmanischen Innenministers Talat Pascha. Dieser war im Jahr zuvor auf offener Straße erschossen worden, und Hayriye erkennt als Erste die Gefahr: Kurz vor dem Kurfürstendamm taucht neben ihr Schirakian auf, in der rechten Hand eine Pistole. Die zarte Frau stürzt sich auf ihn und schreit. Davon aufgeschreckt, dreht Azmi sich um – er wird von einem Schuss links unter dem Auge tödlich getroffen. Schakir versucht seine Pistole zu ziehen, doch in diesem Moment streift ihn bereits der erste Schuss an der Wange. Der zweite Attentäter trifft ihn direkt in die Brust. Die beiden Männer sind sich sicher, dass sie ihren Auftrag erledigt haben. Sie schießen auf die Straßenbeleuchtung und fliehen in der Dunkelheit. Heute werden sie in der armenischen Hauptstadt Eriwan als Nationalhelden gefeiert, Ankara betrachtet sie als Terroristen.

Die für den Genozid verantwortliche jungtürkische Regierung ist an der Niederlage im Ersten Weltkrieg zugrunde gegangen. Der Offizier Mustafa Kemal, unter dessen Führung später aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs die türkische Republik entstehen sollte, war persönlich daran nicht beteiligt – dennoch erkannte er die Verantwortung der Türkei als Nachfolgestaat nicht an. Dass es sich um einen Völkermord handelte, ist wissenschaftlich längst erschöpfend nachgewiesen worden, dennoch wird dies von der Türkei bis heute geleugnet. Talat Pascha, der Architekt des Genozids, hatte die Schuld am Geschehen den Armeniern selbst zugeschrieben – seine postum veröffentlichten Erinnerungen sind ein denkwürdiges Beispiel dafür, wie autobiographische Apologetik zum Narrativ der nationalen Erinnerungskultur werden kann.

Diese Haltung ist auch in der Berliner Ditib-Moschee am Columbiadamm zu spüren, deren Gelände Eigentum des türkischen Verteidigungsministeriums ist. Mit dem auffälligen Doppelgrab wurden zwei besonders brutale Verbrecher geehrt. „Du hast ohnehin nicht mehr viele Tage zu leben. Wir werden keinen einzigen Armenier am Leben lassen“, soll das Kind des einen zu einem armenischen Nachbarsjungen gesagt haben – der Schriftsteller Leon Surmelian, Sohn eines Apothekers aus Trabzon, der beide Eltern im Genozid verloren hat, musste später oft an diese Szene denken. Sein Nachbar, Gouverneur Azmi, war berüchtigt als „Henker von Trabzon“. Er soll zur sexuellen Befriedigung seines Sohnes einige der schönsten armenischen Mädchen im Alter von zehn bis 13 Jahren ausgesucht haben, bevor er die anderen im Meer ertränken ließ. 2003 wurde in der Türkei eine Grundschule nach ihm benannt. Bahattin Schakir, der andere, organisierte die Deportationen aus den Hauptsiedlungsgebieten der Armenier im Westen des Reichs und befehligte Todesschwadronen.

Für ihre Taten waren Schakir und Azmi von Kriegsgerichten zum Tode verurteilt worden. Dem entgingen sie durch ihre Flucht ins Ausland, doch die „Nemesis“-Agenten folgten ihnen ins Exil. Was aber hatten die beiden – genauso wie der im Jahr zuvor getötete Talat Pascha – überhaupt in Berlin zu suchen? Die Attentate markieren nicht nur eine armenisch-türkische Tragödie, sie verraten auch viel über die ambivalente deutsch-türkische Geschichte.

Schon Kaiser Wilhelm II. und der osmanische Sultan hatten ihre Freundschaft demonstrativ zur Schau gestellt: In der spätosmanischen Zeit, die mit der Herrschaft Abdülhamids II. in der Türkei neuerdings besonders verklärt wird, waren die Beziehungen zum Deutschen Reich überaus eng. Das revisionistische Geschichtsbild, das Recep Tayyip Erdogan in Bezug auf den Armenier-Genozid noch immer vertritt, bedeutet nicht, dass sich geschichtspolitisch in den vergangenen Jahren nicht einiges getan hätte: Mustafa Kemal Atatürk war als nationale Identifikationsfigur lange unantastbar, doch seine restriktive Religionspolitik wird heute verstärkt und zunehmend auch offen kritisiert. Die Zeit der osmanischen Sultankalifen mit ihrer Herrschaft über ein Großreich wirkt inzwischen auf viele als die wahre romantische Verheißung der Vergangenheit für die Zukunft.

Zu dieser Zeit gehörte auch eine enge deutsch-osmanische Verbindung, und sie war beiderseits gewinnbringend: Während Abdülhamid II. den britischen und französischen Einfluss in Nahost einhegen wollte und von deutschen Militärmissionen profitierte, freute man sich in Berlin, das seinen „Platz an der Sonne“ einforderte, über wirtschaftliche Mammutprojekte wie die Bagdadbahn und konnte sich zumindest einem „kulturellen Imperialismus“ hingeben.

Allerdings war Fingerspitzengefühl vonnöten: Der osmanische Vielvölkerstaat zerfiel zusehends. In Europa spottete man über den „kranken Mann am Bosporus“, und im einst osmanischen Ägypten herrschten de facto die Briten. Immer dreistere koloniale Begehrlichkeiten bedrohten das Reich des Sultans von außen; separatistische Bestrebungen setzten es von innen unter Spannung.

Die Armenische Revolutionäre Föderation, 1890 in Tiflis als Partei mit dem Ziel gegründet, einen eigenen Staat auf dem armenischen Siedlungsgebiet zu errichten, verband Sozialismus und Nationalismus, die beiden größten Schrecken des Sultans. Immer wieder kam es zu Attentaten und Sabotageakten. Büßen mussten dies schließlich auch Tausende Unbeteiligte, die mit solcherart politischer Agitation nichts zu tun hatten: Die Massaker an der armenischen Minderheit, die unter Abdülhamid II. Mitte der 1890er Jahre verübt und vom Leiter der Deutschen Orient-Mission Johannes Lepsius dokumentiert wurden, haben Wissenschaftler bereits als „partiellen Genozid“ bezeichnet.

Das verbündete Kaiserreich aber ignorierte das Leid der armenischen Christen im Nahen Osten weitgehend. Deutsche Offiziere gingen derweil in Konstantinopel ein und aus: Insbesondere an den Militärschulen war der preußische Drill eingekehrt. Ausgerechnet an diesen Orten aber gedieh, beeindruckt von technischen und ideologischen westeuropäischen Entwicklungen, die Opposition gegen den Sultan ganz besonders. Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich die sogenannte jungtürkische Bewegung, die von einer besonders gebildeten osmanischen Elite getragen wurde und in der viele nicht nur die Frömmigkeit der einfachen Bevölkerung belächelten. Die Offiziere verachteten den Sultan als schwachen Herrscher aus einer sterbenden Zeit, der mit den Ideen der Moderne fremdelte und keine Antworten auf die Probleme des Imperiums fand. Seine Kritiker unterdrückte Abdülhamid II. über eine rigide Zensur- und Verbannungspolitik, die viele in das Exil nach Paris oder Kairo gehen ließ.

Einen einzigartigen Einblick in diese Exil-Szene gewährt uns das auf Osmanisch verfasste Tagebuch des Orientalisten Karl Süßheim. Er verbrachte im Sommer 1908 mehrere Wochen in Kairo, um dort abseits der Zensur des Sultans die Edition einer orientalischen Handschrift drucken zu lassen. Der junge Bayer machte auf diese Weise die Bekanntschaft osmanischer Oppositioneller, die im Verlagswesen aktiv waren und regelmäßig in einer Bar zusammenkamen. Als einer von wenigen Westeuropäern geriet Süßheim mitten hinein in die jungtürkische Revolution, die den Sultan dazu zwang, die Verfassung zu reaktivieren. Mit seinen neuen Freunden feierte der Deutsche den Erfolg der jungtürkischen Bewegung: „Der am meisten gelobte Gedanke war das Versprechen im Namen der Armenier, dass sie den Türken brüderlich die Hand reichen würden“, schrieb er über eine Versammlung auf dem Höhepunkt der Revolution.

Süßheim, der junge deutsche Jude, genoss in den Reihen dieser Männer vor allem, dass Antisemitismus in ihren Reihen keine Rolle spielte – und in der Tat: In Kairo vertraten viele Jungtürken eine sogenannte dezentralistische Position, die sich für Minderheitenrechte aussprach. Hand in Hand mit den osmanischen Christen, so die Hoffnung, werde man der Herrschaft des Sultans ein Ende bereiten. In Konstantinopel feierten 1908 schließlich Armenier und Türken, Juden und Griechen gemeinsam die Wiedereinsetzung der osmanischen Verfassung. Die Christen hätten damals erwartet, dass nun auch die bürgerliche Gleichstellung folgen würde, schrieb der spätere „Nemesis“-Attentäter Schirakian in seinen Memoiren, aber: „Nur ein Jahr später, 1909, wurden 35 000 Armenier in Adana von einem türkischen Mob massakriert.“

Die vergleichsweise kurze Regierungszeit der Jungtürken in den zehn Jahren von 1908 bis 1918 liegt gewissermaßen als Fanal zwischen dem alten osmanischen System und der türkischen Repu­blik; hier zeigte die Moderne ihre brutalste Seite. Im jungtürkischen Komitee für Einheit und Fortschritt (KEF), das die Regierungsgeschäfte des Osmanischen Reichs übernahm, spielte ein Mann, der als besonders kaltblütig galt, eine wichtige Rolle: Mehmed Talat, bald weltweit bekannt als Talat Pascha. Der persönlich ganz und gar ungläubige, aber die religiöse Erregbarkeit des Volkes kühl berechnende Mann gehörte jenem Zweig der Bewegung an, der von einem „reinen“ türkisch-muslimischen Staat träumte und unter dem Schlagwort Türk Yurdu („Türkische Heimat“) hart gegen nicht muslimische Minderheiten vorging. Gemeinsam mit den Paschas Enver und Cemal bildete Talat schließlich das sogenannte Triumvirat, das ab 1913 regierte und das Osmanische Reich an der Seite der Deutschen in den Weltkrieg führte.

Der Sultan, inzwischen nurmehr eine Marionette der Jungtürken, beanspruchte als Kalif die geistige Oberhoheit über alle Muslime – was die deutschen Verbündeten zu einer beispiellosen Aktion inspirierte: Um die gesamte muslimische Welt gegen die feindlichen europäischen Großmächte aufzuwiegeln, ersonnen Strategen und Nahost-Kundige um Max von Oppenheim im Auswärtigen Amt in Berlin das Konzept eines Heiligen Kriegs, der unter muslimischen Kriegsgefangenen mithilfe einer Zeitschrift namens „El Dschihad“ propagiert wurde.

Die Osmanen halfen bei diesem Dschihad „made in Germany“ kräftig mit – Großmufti Musa Kazim verkündete eine entsprechende Fatwa. Der Plan sollte kriegsstrategisch scheitern. Im Innern des Osmanischen Reichs aber, wo anti-armenische Reflexe lediglich reaktiviert werden mussten, wandte sich der religiös geschürte Hass umso erbitterter gegen die christliche Minderheit.

Schirakian hat die Gewaltausbrüche in seinen Memoiren beschrieben: Auf der Konstantinopler Galata-Brücke geriet der damals 14 Jahre alte Junge in einen Aufmarsch kriegsbegeisterter Türken, die von einem Gottesdienst in der Neuen Moschee kamen. Die gegen das christliche Europa fluchenden Türken zerstörten Geschäfte sowie armenisch und griechisch geführte Restaurants, wobei sie penibel darauf achteten, nicht aus Versehen deutsche Einrichtungen zu treffen: „Die Rädelsführer schworen mit viel Gestik und Geschrei lautstark, einen Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen zu führen. Selbst in ihrer wild-religiösen Schwärmerei nahmen sie ihre deutschen Freunde sorgfältig aus.“

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Schirakian seiner eigenen Beschreibung zufolge ein unbeschwerter und fleißiger Schuljunge gewesen, der sich in Literaturklassiker vertiefte, in seiner Freizeit Fußball spielte und im traditionellen Gewand in einem Chor sang. Wenige Jahre später wird er mehrere Menschen getötet haben: Schirakian sollte sich nicht nur an dem Attentat an Schakir und Azmi beteiligen, er erschoss auch den ehemaligen Großwesir des Osmanischen Reichs Said Halim in seiner Kutsche in Rom. Dazwischen liegt der Genozid, den der junge Armenier überlebt hatte: Die armenische Minderheit in Konstantinopel wurde von der Massendeportation ausgenommen, weil es in der Stadt viele Europäer und Amerikaner gab, die misstrauisch hätten werden können.

Im Haus der Schirakians versteckten sich während des Krieges etliche Verfolgte aus den anatolischen Provinzen, aber auch Führungsfiguren der Armenischen Revolutionären Föderation, die sich dem Widerstand verschrieben hatten. Sie nannten sich die „Armee der Dachböden“ und rekrutierten den Heranwachsenden, der jünger aussah, als er war, für ihre Zwecke: Gekleidet wie ein Türke, transportierte er in seinem Schulranzen Waffen und half dabei, sie zu verstecken. Schirakian arbeitete aber auch für die Deutschen, zunächst als Fahrkartenverkäufer, später als Rechnungsprüfer der von einer deutschen Firma betriebenen Straßenbahn. Dabei trug er eine Uniform und konnte sich frei bewegen: Er saß in Kaffeehäusern und belauschte Mitglieder der KEF-Geheimorganisation Teschkilat-i-Mahsusa – „gottlose Sadisten“, wie Schirakian in seinen Memoiren schrieb, die offen über die Deportationen, Massaker und Vergewaltigungen sprachen: „Diese Männer prahlten damit, die Brustwarzen armenischer Frauen zu sammeln, die sie getötet hatten.“

Der Genozid geschah im Auftrag des Staates: Der schriftliche Vernichtungsbefehl von Innenminister Talat Pascha, den der deutsche Botschafter Wolff-Metternich 1915 als „Seele der Armenierverfolgungen“ bezeichnete, ist öffentlich geworden. Die Regierung habe beschlossen, „alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten“, hieß es darin: „Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen.“

Der Aghet („Katastrophe“), wie Überlebende das Geschehen bezeichneten, spielte sich unter den Augen der Weltöffentlichkeit, nicht zuletzt der deutschen Bündnispartner, ab, deren Militärvertreter das Geschehen vor Ort beobachteten. „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht“, ließ Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verlauten.

Der Weltkrieg aber ging verloren, und die Flucht der in ihrer Heimat in Ungnade gefallenen jungtürkischen Verbündeten zu organisieren war die letzte deutsche Kriegshandlung in der Türkei, wie Rolf Hosfeld in seinem Buch „Operation Nemesis“ geschrieben hat: Die Flucht war lange vorbereitet worden; mit einem deutschen Torpedoboot trafen die Türken am 3. November 1918 im deutsch besetzten Krimhafen Sewastopol ein und reisten über Simferopol weiter nach Deutschland. Für das Unternehmen hatte die Seekriegsleitung absolute Geheimhaltung angeordnet.

Das Kaiserreich selbst war von revolutionären Unruhen ergriffen, aber genau einen Tag nach Ausrufung der Republik, am 10. November 1918, erreichten die einstigen türkischen Führer, ausgestattet mit falschen Pässen, Berlin. Ungeachtet der neuen politischen Vorzeichen pflegte Talat Pascha fortan Kontakte in die höchsten deutschen Kreise. Seine große Wohnung in der Hardenbergstraße wurde sein Hauptquartier: Von hier aus zog er die Fäden der türkischen Nationalbewegung in Anatolien. Mustafa Kemal hielt er für eine nützliche Marionette: „Unsere Führung in Berlin steht mit den bewaffneten Kräften im Innern des Landes in enger Verbindung“, hielt Talats Gefährte Bahattin Schakir fest. Ein weiterer Treffpunkt der Gruppe war ein eleganter Tabakladen – dieser gehörte Cemal Azmi, geführt wurde er von dessen ältestem Sohn.

Dass sich einige der Hauptverantwortlichen für den Genozid in Berlin aufhielten, war trotz ihrer Decknamen ein offenes Geheimnis. Ein türkischer Journalist namens Mehmed Zeki verfasste darüber sogar ein Buch, das unter dem Titel „Raubmörder als Gäste der deutschen Republik“ erschien. 1920 verlangten die Briten offiziell die Auslieferung von Talat und anderen Kriegsverbrechern, doch da sich auf der Wunschliste auch deutsche Namen wie Ludendorff und Hindenburg befanden, artete die Diskussion darüber aus: Gewaltsame Massendemonstrationen auf den Straßen richteten sich gegen die englische Forderung. „Die Stimmung gegen Versailles ist es, die Talat und seinen Genossen in Deutschland Immunität verleiht“, hat Hosfeld über den Hass der Deutschen auf den „Diktatfrieden“ geschrieben.

Der Freispruch des Armeniers Soghomon Tehlirian im Sommer 1921 nach dessen Attentat auf Talat Pascha war vor diesem Hintergrund keine kleine Sensation – allerdings berief sich die Verteidigung auf zeitweilige Unzurechnungsfähigkeit des Angeklagten, der seine gesamte Familie im Genozid verloren hatte. Seinen Auftrag hatte er im Prozess verschwiegen und über sich selbst angegeben, lediglich zufällig, unter einem Leichenberg liegend, überlebt zu haben. Das Urteil wurde im Gerichtssaal mit Applaus aufgenommen. Die öffentliche Meinung aber war zumindest gespalten: Talat Paschas Begräbnis, das von dem deutschen Publizisten Ernst Jäckh (zeitgenössisch bekannt als „Türken-Jäckh“) organisiert wurde und bei dem viele deutsche Politiker und Militärs dem einstigen Kriegsverbündeten die letzte Ehre erwiesen, spricht für sich. Das Auswärtige Amt ließ einen Kranz niederlegen: „Einem großen Staatsmann und treuen Freund“.

Talat Paschas sterbliche Überreste wurden 1943 in einem Staatsakt unter militärischen Ehrenbezeugungen von den Nationalsozialisten nach Istanbul, wie Konstantinopel seit der Ära Atatürk auch offiziell genannt wird, überführt und am Denkmal für die jungtürkische Revolution beigesetzt. Den Leichnam holten sie vom Türkischen Friedhof in Berlin, wo sich auch die unscheinbaren Gräber Schakirs und Azmis befanden, in denen sie zunächst beerdigt worden waren. Erst 2011 wurden sie in dem strahlenden Weiß aufwendig erneuert, in dem wir sie heute dort finden.

Es war Januar, und es war kalt, als hier, vor dem Ehrengrab auf dem Türkischen Friedhof, plötzlich eine Frau auftauchte. Ein bunt geblümtes Tuch saß lose auf ihrem Kopf, die Enden nicht verschlun-gen; immerzu blies der Berliner Ostwind es ihr vom glatten Haar. Sie sei in Istanbul geboren worden, erzählte sie, als Kind ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland gezogen. In der Moschee spricht sie über das „Energiefeld“ um die 99 Namen Allahs und den Koran – „Wir alle sind im Islam geboren“. Sie zeigt die Böden, die Säulen, die Kuppel. Man sieht Vögel, Straußeneier und Tulpen. „Tulpen statt Rosen“, sagt die Frau mit einem bedeutungsschweren Blick.

Erdogans Geschichtsbild ist in der deutsch-türkischen Gemeinde angekommen: Der Atatürk-Gedenktag wird traditionell mit Rosen begangen, die Tulpe war ein typisches ornamentales Gestaltungselement im Osmanischen Reich.

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Die Verfasserin ist Historikerin am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und arbeitet für die Ad-hoc-Gruppe „Zukunftswerte“ (AG Multikulturalität & Identität) der ­Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Seit‘ an Seit‘: Das Ehrengrab Schakirs und Azmis auf dem Türkischen Friedhof in Berlin. Foto: Kristina Milz

Titelbild: Foto eines anonymen deutschen Reisenden – Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Kharpert in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh geführt. (Wikimedia)

© 2022 Kristina Milz

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