Kristina Milz

KRISTINA MILZ IST ZEITHISTORIKERIN, BIOGRAFIN UND FREIBERUFLICHE AUTORIN

Ein Offizier und Pazifist

Der heute vergessene bayerische Major Franz Carl Endres war 1922 eines der Gründungsmitglieder der Deutschen Liga für Menschenrechte. Seine Lebensgeschichte ist erstaunlich: Er galt als soldatisches Ausnahmetalent und Held von Gallipoli, dann wurde er zum Menschenrechtsaktivisten.

IN: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 5.12.2022 (GASTBEITRAG „DIE GEGENWART“)

Für den jungen Münchner Offizier Franz Carl Endres ging 1912 ein Traum in Er­füllung: Bald würde er den Orient mit eigenen Augen erkunden, diesen magischen Ort, den Karl May in die Köpfe seiner Landsleute hineinphantasiert hatte. En­dres, eine besondere Nachwuchshoffnung des bayerischen Militärs, betätigte sich un­ter dem Pseudonym „Amadeus“ leidenschaftlich als Lyriker. Von seiner Entsendung nach Konstantinopel erhoffte er sich aber nicht nur künstlerische Impulse. Schon lange schickte Deutschland Militärberater ins Osmanische Reich, um seinen Einfluss zu stärken. Endres’ Freunde glaubten, ein Omen zu erkennen: Auch ei­ner der erfolgreichsten Feldherren seiner Zeit, Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, hatte seine Karriere als Berater in türkischen Diensten begonnen. Und tatsächlich sollte Franz Carl Endres bei der 5. osmanischen Armee unter Liman von Sanders der jüngste Generalstabschef des Ersten Weltkriegs werden. Der Triumph der türkischen Truppen in Gallipoli – der Höhepunkt der deutsch-osmanischen Waffenverbindung – war nicht zuletzt ihm zu verdanken. Alles deutete auf eine große militärische Karriere hin.

Es kam anders. „Ich habe in einem langen Wanderleben unendlich viele Menschen der verschiedensten Völker kennengelernt“, schrieb Endres mit Ende dreißig im Duktus eines alten Mannes, der auf sein Leben zurückblickt: „Sie sind alle gleich. Nur die Formen, in denen sie dieser Gleichheit Ausdruck geben, sind verschieden.“ Damit formulierte er 1916 einen zentralen Gedanken der Menschenrechtsbewegung, die sich während des Weltkriegs formierte. Der hochgelobte Offizier wurde zu einem ihrer Gründerväter. Wie wurde aus einem soldatischen Ausnahmetalent ein Menschenrechtsaktivist?

Endres’ militärische Laufbahn war vorgezeichnet. Er wurde im Dezember 1878 in eine oberbayerische Offiziersfamilie hi­neingeboren: Sein Vater war Karl Ritter von Endres, Chef des königlich bayerischen Generalstabs und bayerischer Militärbevollmächtigter in Berlin. Das Elternhaus war geprägt von protestantischen Werten und der selbstbewussten Gewissheit, in der siegreichen Tradition der bayerischen Regimenter aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zu stehen. In einer anderen Umgebung hätte der Sohn, der am humanistischen Gymnasium Unterricht in Harmonielehre nahm und eigene Klavierkompositionen veröffentlichte, wohl einen anderen Weg eingeschlagen. Seinen Plan, Musiker zu werden, gab er dem Vater zuliebe auf. 1897 trat er als sogenannter dreijährig-freiwilliger Offiziersaspirant in das Münchener Infanterie-Leibregiment ein.

Kaiser Wilhelm II. beschrieb die er­wünschte Haltung eines Offiziers mit der Formel „Adel der Gesinnung“. Gemeint waren Monarchismus, Nationalismus, Mi­litarismus und Bekenntnis zum Christentum. Erfüllte ein junger Mann diese Bedingungen, so hieß es, er habe „Charakter“ – dieser war wichtiger als Bildung oder Leistung, wenngleich begabte Offiziere eher in Spitzenpositionen aufstiegen. Auch wenn Bayern im Vergleich zu Preußen als liberal galt, wurde die poli­tische Einstellung der Offiziersanwärter ge­nau beobachtet. Endres überzeugte: Sein Reifezeugnis als Offizier enthielt den „Ausdruck Allerhöchster Belobigung“.

Die Papiere befinden sich heute im Kriegsarchiv des Bayerischen Hauptstaatsarchivs. Neben geheimen Qualifikationsberichten, die ihn in immer höheren Tönen lobten, zeigen sie auch, dass seine auffallende Intellektualität nicht al­len geheuer war: „Eine leichte Neigung zum Hervorkehren seiner Person u. zum Streben nach Originalität“ wurde ihm 1909 bescheinigt. Andere Vorgesetzte verteidigten ihn: „Wenn er Originalität zeigt, so erscheint mir das durchaus be­rechtigt, da seine ganze Persönlichkeit eben originell ist u. mit anderem als dem gewöhnlichen Maßstab gemessen werden muß.“ 1906 bis 1909 war Endres Hilfs­lehrer für Taktik und Militärgeschichte an der Kriegsakademie in München, später erhielt er einen regulären Lehrauftrag. Er machte einen so guten Eindruck, dass er in den sorgfältig ausgewählten Kreis der Offiziere aufgenommen wurde, die sich für Aufgaben im Ausland eigneten.

Als Lehrbeauftragter für Strategie wurde Endres 1912 an die Generalstabsschule in Konstantinopel berufen. Schon bald aber sollte er das Handwerk seines Berufs ausüben: Im Balkankrieg, in dem ein serbisch-bulgarisch-griechisch-montenegrinisches Bündnis gegen das Osmanische Reich vorging, diente Endres als Berater beim Oberkommando der türkischen Ostarmee und in Tschataldscha, der letzten Verteidigungslinie vor Konstantinopel. Über seinen Einsatz verfasste er im Mai 1913 für das bayerische Kriegsministerium und den preußischen Großen Generalstab einen streng vertraulichen Bericht. Das romantische Bild vom Orient hielt der Realität nicht stand: Endres wurde mit den verheerenden Auswirkungen der Cho­lera konfrontiert, Szenen, die er als „das Entsetzlichste, was man sich vorstellen kann“, beschrieb: „Die Menschen starben vor den Augen des Zuschauers in Massen.“ Die türkischen Behörden hätten die in Gärten und Kirchen zusammengepferchten erkrankten Soldaten nicht einmal mehr verpflegt, sondern sie einfach sterben lassen. Ohnmächtig beobachtete der Deutsche, dessen Ratschläge von den türkischen Militärs ignoriert wurden, das Geschehen: „Bei Tschataldscha kämpften die armen Bataillone einen mörderischen und ganz aussichtslosen Kampf und wir schauten zu!!“

Die Türken mussten nach katastro­phale Niederlagen erhebliche Gebietsverluste hinnehmen. Das Geschehen schockierte Endres derart, dass er dafür plädierte, die deutsche Militärmission aufzugeben: Das gesamte türkische Offizierskorps leide an einem „Mangel an sozialem und ethischem Empfinden“. Schon wenige Monate nach seiner Entsendung haderte Endres also mit seiner Rolle, doch erst am Ende des zweiten Balkankriegs, im Oktober 1913, kehrte er nach Bayern zurück.

Mit der deutsch-osmanischen Waffenbrüderschaft 1914 wurde Endres wieder nach Konstantinopel entsandt. Seine Zweifel waren vermutlich geblieben, aber seine Aufgaben dürften ihn besänftigt ha­ben: Mit nur 36 Jahren wurde er Generalstabschef unter Liman von Sanders. En­dres arbeitete einen Verteidigungsplan für die Dardanellen aus, von wo aus die En­tente Konstantinopel erobern wollte. Der Angriff der britischen Armee auf die Halbinsel Gallipoli wurde erfolgreich ab­gewehrt. Mit hunderttausend Toten und 250 000 Verwundeten war Gallipoli eine der blutigsten Schlachten des Krieges: Fast die Hälfte der eingesetzten Soldaten kam ums Leben. „Ich war lange Zeit durch die Gebundenheit des Berufes so unfrei, daß ich die Lösung des Problems Krieg nicht da suchte, wo sie allein gefunden werden konnte“, sollte Endres Jahre später schreiben: „Ich ließ mich blenden vom ästhetischen Genuß, der im Studium der strategischen Kunst großer Feldherren liegt“.

Im Frühjahr 1915 brachte eine Malaria-Erkrankung die entscheidende Wende in Endres’ Leben. Zurück in der Heimat, kämpfte er monatelang mit dem Tod. Aus dem jungen Offizier, „groß, schlank, felddienstfähig“, war ein körperliches Wrack geworden. Endres war untauglich ge­schrieben. Damit war ihm Zeit zum Nachdenken gegeben, und Endres zog seine Schlüsse: Er wurde einer der wichtigsten Sprecher der deutschen Pazifisten und Menschenrechtsbewegung.

Die Menschenrechtsidee war kein Selbstläufer. Ihre Geschichte ist nicht die eines geradlinigen Fortschritts, sondern gekennzeichnet durch hohe Hürden und das ständige Scheitern am Ideal. Die philosophische Vorstellung von Rechten, die den Menschen bedingungslos zustehen, ist alt; von bürger- und naturrechtlichen Überlegungen entwickelte sie sich zunehmend in eine universelle Richtung. Auch wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen – etwa die versklavten Afroamerikaner – lange nicht mitgedacht wurden, spielte der Gedanke unveräußerlicher Rechte des menschlichen Individuums mit der Bill of Rights und Unabhängigkeitserklärung in Amerika und der Allgemeinen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts erstmals eine zentrale Rolle in der Ordnungsvorstellung von Staaten.

In der Regel waren es keine staatlichen Akteure, die der Idee universal geltender Menschenrechte zum Aufstieg verhalfen, sondern einzelne Personen und Orga­ni­sationen. So auch in Deutschland: Der Bund Neues Vaterland gründete sich im Ersten Weltkrieg als Reaktion auf die bis dahin unvorstellbaren Gräuel dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) und trat für Frieden ein. Vor genau einem Jahrhundert wurde er im Zeichen der deutsch-französischen Verständigung nach dem Vorbild der Nachbarorganisation in „Deutsche Liga für Menschenrechte“ umbenannt.

Es verwundert nicht, dass die organisierte deutsche Menschenrechtsbewegung eng mit der pazifistischen Bewegung verwoben war: Unter dem Eindruck Hunderttausender toter Soldaten und des Ge­fühls der Sinnlosigkeit angesichts des zermürbenden Stellungskriegs im Westen drängten sich Fragen nach dem Recht auf Leben und der Würde des Einzelnen schon bald nach Beginn der Kämpfe schmerzlich laut auf. So erging es auch Franz Carl Endres, der sich zunehmend von seinem Beruf entfremdete.

Im August 1915 begann er, als „militärischer Mitarbeiter“ für die „Frankfurter Zeitung“ zu arbeiten. Von Einschätzungen der deutschen Kriegsstrategie aber entfernten sich seine Texte immer weiter: Endres haderte zunehmend öffentlich mit den Kriegsmotiven und der Führung der Obersten Heeresleitung unter Ludendorff. Ein wiederkehrendes Motiv seiner Artikel war die rigide Zensur: „So notwendig wie Munition dem Heere und Brot der Heimat ist Wahrheit der Gesamtheit.“ Das sahen die kriegführenden Herrscher an­ders, und „FCE“, wie Endres’ Artikel ge­zeichnet waren, blieb ihnen nicht verborgen. Im Herbst 1915 fragte der baye­rische Ministerpräsident Georg von Hertling persönlich beim Kriegsministerium nach, was sich in der Angelegenheit „be­treffend angebliche Aeußerungen des bayer. Hauptmanns Endres über die tür­kische Armee“ ergeben habe. Der große Paukenschlag aber sollte erst folgen: En­dres arbeitete an einem Buch über die Türkei.

Im Spätsommer 1915 war der Genozid an den Armeniern in vollem Gange. Beraten von Karl Süßheim, einem jüdischen Orientalisten in München, der sich in seinem antisemitischen Umfeld in Minderheitenfragen selbst nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen konnte, schrieb En­dres unter dem harmlosen Titel „Die Türkei. Bilder und Skizzen von Land und Volk“ über die „ein Jahrtausend währende Leidenszeit Armeniens“. Den Türken legte er unmissverständlich nahe, die nichtmuslimischen Bevölkerungsgruppen zu schonen: „Der Armenier als Charakter stellt keinen einheitlichen Typus dar, ebensowenig wie der Jude.“ Dies war nicht nur eine klare Absage an die um sich greifende, als fortschrittlich geltende Rassenkunde, sondern unter den Bedingungen der Kriegszensur auch bemerkenswert explizit: Der Autor hatte mit seiner leisen, aber schwer zu überlesenden Kritik den richtigen Ton getroffen, um nicht als Verbreiter feindlicher Propaganda abgestempelt und dennoch gehört zu werden. Das Buch erlebte bald mehrere Auflagen; das „Deutsche Offizierblatt“ druckte eine begeisterte Rezension.

Endres wusste seinen guten Ruf für eine neue Mission zu nutzen. Der „Frankfurter Zeitung“ aber wurde das Auftreten ihres Mitarbeiters zu heiß. Im Sommer 1917 wechselte Endres zu den „Münchner Neuesten Nachrichten“, wo er mit seiner Kritik an der Kriegsführung auf offene Oh­ren stieß. Im September teilte der Deutsche Wehrverein dem Berliner Kriegsministerium mit, dass Endres öffentlich für einen Verständigungsfrieden werbe. Dieser ließ sich nicht beirren. Er trat der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei bei und schloss sich organisierten Menschenrechtsaktivisten an.

Schließlich hatte Endres nicht einmal mehr Berührungsängste mit den Sozialisten: Die Revolution von 1918/19 unterstützte er neben Lujo Brentano, Heinrich Mann und Ricarda Huch als Mitglied des „Rats geistiger Arbeiter“. Mit Hermann Hesse und Richard Woltereck gab er eine „Zeitschrift für neues Deutschtum“ heraus, in München die demokratische „Süddeutsche Presse“. Vom Verlauf der Revolution und dem Chaos in München, wo sich Linke und Rechte Straßenschlachten lieferten, war er erschüttert. 1920 schrieb En­dres einem Bekannten, er sei „angefüllt mit Ärger und Enttäuschungen, mit kaum zu bewältigender Arbeit für eine Idee, die den meisten Menschen ganz fremd und unverständlich ist, bekämpft und bestritten, selbst von sogenannten Freunden, die plötzlich wieder der ‚tolle Hindenburg gebissen‘ hat“. Fasziniert von lebensreformerischen Ansätzen und als überzeugter Freimaurer in diversen nichtnationalis­tischen Logen, publizierte Endres nicht nur etliche Bücher über diese Art, auf die Welt zu schauen, er schrieb nun auch gegen die „Dolchstoßlegende“ an, die den jüdischen Deutschen die Schuld am verlorenen Krieg gab: „Haß erfordert Blindheit, aber jeder Sehende muß lieben.“ Umfassend setzte er sich mit dem immer stärker um sich greifenden Antisemitismus auseinander.

In seinen Texten trat Endres als Pazifist auf. Er gehörte aber nicht jener Minderheit der Friedensbewegung an, die jegliche Gewalt rigoros ablehnte. Im Gegenteil: Endres bejahte nicht nur ein Militär zur Verteidigung, er war auch davon überzeugt, dass man zur Gewalt entschlossenen Gegnern nicht mit abstrakter Friedfertigkeit begegnen könne. Ohne den Schutz einer internationalen Macht wie etwa eines starken, demokratisch legitimierten Völkerbunds mit schlagkräftiger Armee hielt er dies für illusorisch. Auch der Kriegsdienstverweigerung stand er skeptisch gegenüber. Doch verurteilte er die Gewalteskalation des vergangenen Krieges und versuchte, ihre Ursachen zu erkunden.

1921 veröffentlichte Endres zunächst anonym das Buch „Die Tragödie Deutschlands“. Es wurde breit rezipiert und hatte großen Einfluss auf die pazifistische Be­wegung. Der Autor sah wesentliche Ur­sachen für die europäische Katastrophe in der deutschen Geisteshaltung: Natio­na­lismus, Antisemitismus und Rassismus, Un­tertanenmentalität und das Versagen der Kirchen. „Der Durchschnittsdeutsche“, schrieb Endres, „ist tausendmal lieber ein jeder Verantwortung entzogener Sklave und eine blinde, aber gewissenhafte Exe­kutionsmaschine, als ein freier, aber schwere Verantwortung tragender und allein auf sein eigenes Urteil angewiesener Mensch“. Die Deutschen sollten das Be­zugssystem der Nation durch das einer „Kulturmenschheit“ ersetzen, um sich „die Sympathie der Menschheit“ zu verdienen.

Endres konstatierte eine Spaltung Eu­ropas: „Hier Kulturmenschheit – dort das barbarische Deutschland.“ Hätte er diese Sätze nach 1945 geschrieben, wäre der Aufschrei sicher weniger laut ausgefallen – in einer Zeit, in der nicht nur Rechte über die „Schande von Versailles“ sprachen, aber waren diese Äußerungen Sprengstoff. Obwohl Endres wie viele ge­mäßigte Pazifisten keine alleinige deutsche Kriegsschuld erkannte, sondern alle in der Verantwortung sah, „die zum und im Kriege gehetzt“ hatten, wurde er in Militärkreisen zur persona non grata.

Endres war nicht der einzige Berufs­offizier, der sich aus seinem Milieu gelöst hatte. Für pazifistische Organisationen hatten Männer wie er eine zentrale Be­deutung, denn sie waren mit militärischen Zusammenhängen und Logiken vertraut. Insbesondere sie waren es, die in den 1920er-Jahren immer wieder geheime Rüs­tungspläne aufdeckten; revisionistische Kräfte erkannten darin schnell eine besondere Gefahr. Die Folge waren nicht nur Verleumdungen und Ausgrenzung durch die ehemaligen Kameraden. Die Verfolgung konnte bis zur Ermordung führen: Freikorps hatten bereits 1920 den ehemaligen Kapitänleutnant Hans Paasche vor den Augen seiner Kinder er­schossen.

Franz Carl Endres wurde in dieser Zeit zu einem wichtigen Kopf der Deutschen Liga für Menschenrechte. 1924 nahm er als Delegierter an einem internationalen Friedenskongress in Paris teil. Gemeinsam mit Albert Einstein, Kurt Tucholsky und dem späteren Friedensnobelpreis­träger Carl von Ossietzky pochte Endres nicht nur auf die Rechte des Individuums, sondern forderte auch eine Neuorgani­sation der zwischenstaatlichen Beziehungen, die auf internationaler Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit beruhen sollte.

Auch um dem steigenden Druck von rechts zu entgehen, verließ Endres schließlich Deutschland – so wie damals viele bekannte Menschenrechtler und Pazifisten. Nach einer kurzen Episode als Korrespondent des „Berliner Tageblatts“ zuerst in Istanbul, dann in Den Haag, emigrierte er 1926 in die Schweiz. Dort schrieb er für Printmedien und wurde zu einer gefragten Stimme des Rundfunks.

Schon früh warnte er vor einem nächsten Krieg. 1932 druckte das pazifistische Wochenblatt „Das Andere Deutschland“ Endres’ bitteren Artikel mit dem Titel „Nichts gelernt und nichts vergessen!“: „Verhängnisvoll ist der Irrtum der Fried­lichen und Wohlwollenden in der Welt, die glauben, es könne durch Nachgie­bigkeit hier geholfen und der Frieden ge­sichert werden.“ Er hatte die Zeichen der Zeit richtig gedeutet, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der verhängnisvollen Politik des Ap­peasements gegenüber Hitler.

Während der NS-Zeit wurde Endres in der Schweiz eingebürgert. Während des Zweiten Weltkriegs betätigte er sich nicht nur als Berichterstatter, sondern auch als Militärberater. 1943 verstieß er gegen die Schweizer Neutralitätsverordnung, indem er mit Flugblättern versuchte, Bayern zu einer Loslösung vom „Dritten Reich“ zu be­wegen. „Niemand, den man lieber über die Grenze verschleppt und auf dunklem Wege hätte verschwinden lassen“, hat Gustav Strohm 1948 in seinem Vorwort zur neuen Auflage von Endres’ „Tragödie Deutschlands“ geschrieben. Nach dem Krieg kommentierte Endres für Schweizer Medien die Außenpolitik der jungen Bundesrepublik Deutschland, doch sein Ruhm verblasste. Er starb im März 1954 in ei­nem Vorort von Basel.

Für die Erinnerung an engagierte ehemalige Offiziere gab es nach dem Zweiten Weltkrieg lange keinen Raum. Auch die Würdigung des militärischen Widerstands um Claus Schenk Graf von Stauffenberg ließ in der Bundesrepublik auf sich warten. Dabei wurde der Widerstand des 20. Julis erst aktiv, als der Untergang des „Dritten Reichs“ abzusehen war. Deshalb wird er heute zurecht ambivalent beur­teilt. Für die deutsche Nachkriegsgesellschaft hatte er freilich ein anderes Manko: Er hatte mit der Tradition des Gehorsams gebrochen.

Mit Männern wie Franz Carl Endres tat man sich wohl noch schwerer: Der Gedanke, dass es echte Alternativen für Deutschland gegeben hätte, dass schon früh eine individuelle Befreiung aus dem fa­talen deutschen Militarismus möglich war, passte nicht zur Opfererzählung, die nach 1945 in der öffentlichen Debatte gern bemüht wurde, um die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen einer möglichst kleinen Gruppe zuzuschreiben. Dieser Verdrängungsprozess hat dazu geführt, dass solch faszinierende Emanzipationsgeschichten wie die von Endres weitgehend vergessen sind. Das ist eine kleine erinnerungskulturelle Tragödie, denn seine Biographie erhellt nicht nur blinde Flecken in der Geschichte der deutschen Menschenrechtsbewegung, deren Archivgut 1933 vernichtet wurde. Sie offenbart auch das Leben und Lernen einer historischen Person, die wichtige An­stöße für eine positive militärische Traditionsbildung in Deutschland geben könnte.

„Sie waren Opfer eines Geschichtsbildes, das ihre Existenz einfach nicht zu­ließ“, hat der Friedensforscher Wolfram Wette über „weiße Raben“ wie Endres vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben. Sie sind es vielfach noch heute, wohl auch, weil sie sich dem weitverbreiteten Streben nach Eindeutigkeit entziehen: Ein ge­feierter Offizier und leidenschaftlicher Menschenrechtsaktivist passt in keine Schublade. Endres’ Biografie ist nie ge­schrieben worden. Dabei wäre es nicht nur im geschichtswissenschaftlichen Interesse, zu erforschen, was Einzelne frühzeitig dazu befähigte, den unwahrscheinlichsten Vorzeichen zum Trotz ihrem mo­ralischen Kompass zu folgen und die Verletzung der menschlichen Würde zu be­kämpfen.

Die Bundeswehr bezieht sich in ihrer Suche nach tauglichen Vorbildern in der Regel auf den 20. Juli 1944. Major a. D. Franz Carl Endres, ein überzeugter De­mokrat, dessen Gedanken sich fernab von einem naiven Pazifismus bewegten, war 1922 eines der Gründungsmitglieder der Deutschen Liga für Menschenrechte. Sein Name wäre eine würdige Option, an die deutsche Militärgeschichte anzuknüpfen. Umso mehr gilt dies ein Jahrhundert später, in einer Zeit, in der die wehrhafte Demokratie in Europa von inneren und äu­ßeren Feinden ganz besonders herausgefordert wird.

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Die Verfasserin ist Historikerin am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und arbeitet für die Ad-hoc-AG „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Titelbild: Franz Carl Endres 1915. (Wikimedia)

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