Kristina Milz

KRISTINA MILZ IST ZEITHISTORIKERIN, BIOGRAFIN UND FREIBERUFLICHE AUTORIN

Türkei

GASTBEITRAG „DIE GEGENWART“

REPUBLIK DER HUTBÜRGER

Zum Unmut des türkischen Präsidenten Erdoğan wird Staatsgründer Atatürk in der Türkei bis heute verehrt wie kein anderer. Und auch hierzulande können sich erstaunlich viele auf Mustafa Kemal als positive Referenz einigen – dabei hatte dieser vor hundert Jahren mit der Gründung der Repubik nicht etwa eine Demokratie errichtet, sondern vielmehr eine Diktatur der Bürgerlichkeit.

IN: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 23.10.2023

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PORTRÄT ÜBER MELIKE AKBAŞ

„DIESES MÄDCHEN WAR EIN WUNDER“

Melike Akbaş war ein ganz erstaunliches Kind. Ihre Eltern scherzten immer damit: Sie hätten zwei wundervolle Kinder, ein wundervoll normales und ein wundervoll besonderes. Das besondere, das war Melike. Schon als sie noch ganz klein war, ist es allen aufgefallen. Melike hatte ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Überzeugungen. Sie war wählerisch und hatte nur wenige Freunde. Wenn einer von ihnen sie enttäuschte, hatte sie keine Hemmungen, ihn aufzugeben. Als Melike ins Jugendalter kam, begannen die anderen plötzlich, Zigaretten zu rauchen. Einen von ihnen mochte sie sehr, und sie redete ihm ins Gewissen: Das sei ungesund, sie wolle sich nicht um ihn sorgen. Als er das Rauchen nicht sein ließ, wandte sie sich von ihm ab.

Wenn Melikes Eltern heute von ihr erzählen, brauchen sie Pausen zum Rauchen. Sie halten sich an ihren Zigaretten fest, in einer Welt, in der es für sie nur wenig zum Festhalten gibt...

IN: TODESURSACHE: FLUCHT. EINE UNVOLLSTÄNDIGE LISTE, BERLIN 2023 (3. AUFLAGE)

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PORTRÄT ÜBER MUHAMMAD GULZAR

„ICH WEINE IMMER NOCH“

Die türkisch-griechische Grenze ist 212 Kilometer lang. Sie verläuft entlang des Flusses Evros, der in den vergangenen Jahren wiederholt Schauplatz von Pushbacks war, ein Ort also, an dem Flüchtlinge ohne die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen, in die Türkei zurückgedrängt werden. Wiederholt wurde über Tote berichtet. Inzwischen gilt das Gebiet auf griechischer Seite als militärische Sperrzone – was hier passiert, passiert in einer Blackbox, zu der Medien und NGOs keinen Zugang haben. Ende Februar 2020 hatte die Türkei ausgerechnet hier plötzlich eine sichere Route nach Europa versprochen: Über WhatsApp verbreitete sich die Nachricht der Grenzöffnung wie ein Lauffeuer. Die türkischen Behörden charterten sogar Busse, um tausende Menschen von Istanbul an die Grenze zu bringen. Sie alle wurden an den nördlichen Grenzzaun im Dreieck von Karaağaç gebracht – ein elf Kilometer langes Nadelöhr in die Freiheit, wie auch Muhammad Gulzar und seine Frau Saba Khan aus Pakistan dachten. Auch sie stiegen in Istanbul in einen Bus Richtung Westen. Nur wenige Tage später war der 42-jährige Muhammad, ein Mann mit eisblauen Augen und pechschwarzem Haar, tot…

IN: TODESURSACHE: FLUCHT. EINE UNVOLLSTÄNDIGE LISTE, BERLIN 2023 (3. AUFLAGE)

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PORTRÄT ÜBER AMAD AHMAD

DIE VERWECHSLUNG

Im Hochsommer eines heißen Jahres, am 6. Juli 2018, wird der 26-jährige Kurde Amad Ahmad aus Aleppo in Geldern festgenommen. Im goldenen Herbst ist er tot. Bei der Beerdigung trägt sein Vater, der im Internet von Amads Tod erfuhr, ein bemaltes Stück Stoff über dem Hemd: „Wer ist der Mörder unseres Sohns?“ steht darauf. Während der Trauer am offenen Grab wehen kurdische Fahnen. Politiker aus der ersten Reihe der nordrhein-westfälischen Landespolitik sind auch da: zwei Minister und drei Landtagsabgeordnete. Amads Mutter kann nicht da sein, obwohl die Landesregierung ein Visum für sie organisiert hat. Die Türkei, wo die Frau lebt, verweigert ihr und anderen Familienmitgliedern die Ausreise.

Wie kam es zum Tod des jungen Mannes? Im Sommer 2018 traf Amad an einem nordrhein-westfälischen Baggersee auf vier junge Frauen...

IN: TODESURSACHE: FLUCHT. EINE UNVOLLSTÄNDIGE LISTE, BERLIN 2023 (3. AUFLAGE)

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PORTRÄT ÜBER ALAN, GHALIP UND REHAN KURDI

DIE MENSCHLICHKEIT AN LAND GESPÜLT

Sein Bild ging um die Welt, es ist die Ikone der großen humanitären Katastrophe unseres Jahrhunderts. Menschen haben es auf Mauern gesprayt, als Sandskulptur geformt, den schmalen Schultern in Gemälden Flügelchen verpasst. Das französische Satireblatt Charlie Hebdo hat es in Karikaturen dargestellt, der chinesische Künstler Ai Wei Wei nachgestellt. Über den Hashtag #HumanityWashedAshore – die Menschlichkeit an Land gespült – verbreitete sich das Bild innerhalb weniger Stunden bis in den letzten Winkel der Erde. Alan Kurdi: ein kleiner Körper ohne Leben, dunkelblaue Hose, karminrotes T-Shirt, winzige Turnschuhe; das Gesicht im nassen Sand. Man wird nicht vergessen, wie er dort lag, am Strand in der Nähe von Bodrum, diesem Urlaubsidyll der türkischen Mittelschicht. Alan war der Sohn von Abdullah und Rehan Kurdi, einem Ehepaar aus Damaskus. Er hatte einen Bruder, Ghalip, fünf Jahre jung, dessen Körper hundert Meter weiter angeschwemmt wurde. Auch die Mutter hat die Fahrt über das Mittelmeer nicht überlebt.

Das Leben der Kurdis in Syrien vor dem Krieg war aufgeräumt, sie gehörten der Mittelschicht an, dort, wo man sich Gedanken macht über die beste Ausbildung für die Kinder. Doch die Stationen des kurzen Lebens von Alan Kurdi klingen anders: Damaskus, Aleppo, Kobane. Es ist eine Aneinanderreihung der Schreckensorte aus vielen Jahren Krieg…

IN: TODESURSACHE: FLUCHT. EINE UNVOLLSTÄNDIGE LISTE, BERLIN 2023 (3. AUFLAGE)

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PORTRÄT ÜBER RAMAZAN KAYA

ZU TODE GEDULDET

Ende Februar 2005: Ramazan Kaya raucht seine letzte Zigarette. Er wünscht seiner Mutter eine gute Nacht, sie liegt schon im Bett. Dann geht er aus dem Zimmer, schließt die Tür und springt aus dem Fenster der Wohnung im dritten Stock. Seine Familie hört den Aufprall. Ramazan liegt schwer verletzt auf dem Asphalt im Hof des Gebäudes. Es dauert vierzig Minuten, bis der Notarzt eintrifft. Im Berliner Urban-Krankenhaus wird Ramazan operiert, aber es ist zu spät. Der Journalist Cem Sey hat seinen Tod für die tageszeitung dokumentiert.

Es ist nicht viel bekannt über Familie Kaya. Sie stammt aus der türkischen Stadt Samsun am Schwarzen Meer und lebte zur Zeit des Suizids bereits seit vierzehn Jahren in Deutschland. Cemal Kaya, der Vater Ramazans, und seine Frau hatten vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen. Nach dem 25. Februar 2005 waren es nur noch drei. Der Familienvater wurde von den deutschen Behörden nur „geduldet“ – der Status, der verliehen wird, wenn ein Asylantrag oder ein Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung abgelehnt wird, aber der Antragsteller nicht abgeschoben werden kann. Für die Kinder bedeutet das: Sie dürfen zur Schule gehen, es gibt schließlich die Schulpflicht in Deutschland. Danach dürfen sie nichts mehr…

IN: TODESURSACHE: FLUCHT. EINE UNVOLLSTÄNDIGE LISTE, BERLIN 2023 (3. AUFLAGE)

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EIN VERFOLGTER WISSENSCHAFTLER UND SEINE UNIVERSITÄT

KARL SÜSSHEIM (1878–1947)

„Als Kind merkt man so etwas wie Vermeidung normalerweise nicht. […] Als ich aufwuchs, hörte ich von meiner Mutter nur wenige Geschichten über ihre Familie. […] Sie sagte Dinge wie: ‚Ich weiß wirklich nicht viel, ich kann mich nicht erinnern‘. Und sie hat nicht ein einziges Mal gesagt, dass ihr Vater Jude war. […] In den frühen Siebzigern, als wir in den Ferien nach Istanbul gefahren sind, als ich 12 war, […] [haben] wir sein Grab […] besucht. Da war ein großer Davidstern auf dem Grabstein. Ich war verwirrt! Ich habe auf den Stern gezeigt und gesagt: ‚Hey Mom!‘ Sie hat nur in eine andere Richtung geschaut. Das war das Ende der Diskussion.“ Die eindringlichen Sätze entstammen einer Rede, die am 27. Juni 2022 im Literaturhaus München gehalten wurde. Die Sprecherin war Lisa R. D’Angelo, Enkelin des in der NS-Zeit in die Türkei emigrierten bayerisch-jüdischen Orientalisten Karl Süßheim, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist

IN: EINSICHTEN+PERSPEKTIVEN 2/2022

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GASTBEITRAG „DIE GEGENWART“

OPERATION RACHE

Vor hundert Jahren erschossen in Berlin zwei junge Armenier die Kriegsverbrecher Cemal Azmi und Bahattin Schakir. Sie wollten den Genozid an ihrem Volk rächen, den die türkische Regierung während des Weltkriegs verantwortet hatte. Das Attentat öffnet den Blick auf eine überaus vieldeutige deutsch-türkische Geschichte.

IN: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 11.4.2022

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INTERVIEW MIT CHRISTOPH K. NEUMANN

„ICH BIN NICHT ERST SEIT DEM 15. JULI DER MEINUNG, DASS ERDOĞAN EIN DIKTATOR IST“

Vor zwei Monaten sorgte der Putschversuch in der Türkei für Schlagzeilen. Panzer auf der Bosporusbrücke, Militärjets über Istanbul, Parlament und Präsidentenpalast in Ankara bombardiert, das Staatsfernsehen gekapert. Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, mehr als 2.000 wurden verletzt. Präsident Erdoğan forderte die Türken auf, Widerstand zu leisten – mit Erfolg: Am nächsten Morgen war klar, dass der Putsch gescheitert ist. Seither beschließt die türkische Regierung eine repressive Maßnahme nach der anderen. Wie sind die Entwicklungen in der Türkei zu bewerten? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christoph K. Neumann, Turkologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

IN: EINSICHTEN & PERSPEKTIVEN, 3/2016

LÄNDERPORTRÄT: TÜRKEI

ATATÜRKS ALBTRAUM

Ein Partner im Zweifrontenkrieg: Die Türkei kämpft seit Juli 2015 gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) und auch der gewaltsame Konflikt mit
der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK flammt wieder auf. Während die europäischen Staaten in der Flüchtlingspolitik mehr denn je auf Staatspräsident Erdoğan angewiesen sind, zeigen sich im Innern des Landes die Folgen eines Versäumnisses der jüngeren EU-Geschichte: Die regierende AKP fühlt sich an demokratische Versprechungen im Rahmen der Beitrittsverhandlungen längst nicht mehr gebunden. Die türkische Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts lautet: Wer verteidigt eigentlich noch Atatürks Erbe – und wer die Demokratie?

IN: EINSICHTEN & PERSPEKTIVEN, 4/2015

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Foto: Kristina Milz

© 2024 Kristina Milz

Thema von Anders Norén