Kristina Milz

KARL SÜẞHEIM BEY (1878–1947): Eine Biografie über Grenzen

Fachlich, geographisch, sozial: Die Biografie Karl Süßheims handelt von Grenzen in ihrem umfassendsten Sinne – und muss zwingend über sie hinausgehen. Die Dissertation von Kristina Milz ist eine kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem bisher kaum beachteten deutsch-jüdischen Orientalisten: 1878 als Sohn eines wohlhabenden Nürnberger Hopfenhändlers geboren, umspannt Süßheims Leben vier politische Systeme und zwei Weltkriege. Seine Tagebücher, die wichtigste Quellengrundlage seiner Biografie, verfasste er auf Italienisch, osmanischem Türkisch und Arabisch.

Karl Süßheims Leben ist Teil einer auch politisch bedeutsamen Familiengeschichte: Sein Großvater mütterlicherseits war 1849 der erste jüdische Abgeordnete im Bayerischen Landtag, sein älterer Bruder, der sozialdemokratische Jurist Max Süßheim, der letzte – bis heute. Karl Süßheim selbst dagegen wandte sich zunächst der Geschichtswissenschaft zu, bevor er in Berlin seine Leidenschaft für den Orient entdeckte und gegen den Willen seiner Eltern zum Arbeitsschwerpunkt und Lebensinhalt machte: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach er nach Konstantinopel auf und verbrachte mehrere Jahre im Osmanischen Reich. Hautnah erlebte er die jungtürkische Verfassungsrevolution von 1908 in Kairo und Konstantinopel mit, bevor er sich in München niederließ.

Als Orientalist ein singuläres Sprachengenie mit muttersprachlichem Niveau im Arabischen und Türkischen, war er ohne Zweifel einer der besten deutschen Kenner des Nahen Ostens seiner Zeit; eine steile wissenschaftliche Karriere blieb ihm allerdings verwehrt. Nach einer mühsamen Habilitation an der LMU München blieb er bis zu seiner Entlassung von der Universität auf Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 außerplanmäßiger Professor ohne feste Bezüge, im Anschluss musste er sich als Privatgelehrter durchschlagen. Nach einer späten Heirat mit einer Katholikin war er nun Vater von zwei Töchtern; die Ehe wurde bald von konfessionellen Konflikten beeinträchtigt, die insbesondere auch mit dem zunehmenden Verfolgungsdruck auf die deutschen Jüdinnen und Juden verstärkt wurden, da Karl Süßheim nach wie vor auf eine jüdische Erziehung seiner Kinder bestand. Im Zuge des Novemberpogroms von 1938 kam er für zwei Wochen ins Konzentrationslager Dachau und wurde mit der Auflage, seine Heimat zu verlassen, wieder entlassen.

Als einer der letzten Münchner Familien gelang es ihm, seiner Frau und den Töchtern schließlich, der Shoah zu entkommen und nach einem speziell für ihn angestrengten türkischen Kabinettsbeschluss 1941 ins Exil nach Istanbul zu gelangen: Seine türkischen Bekannten, die sich für ihn verwandten, nachdem die Türkei bereits beschlossen hatte, keine deutschen Juden mehr aufzunehmen, retteten ihm und seiner Familie das Leben. An der Universität Istanbul unterrichtete er die türkische Geschichte, bis er 1947 starb. 

Trotz seines interessanten Lebens und höchst aktuellen Forschungsfeldes – der Nahost-Studien –, trotz seines tragischen, häufig berührenden Schicksals blieb Karl Süßheim lange Zeit fast völlig unbekannt, was zum einen mit einer ihm quasi auferlegten Damnatio Memoriae durch die LMU (– die sich nach 1945 zwar gerne mit bekannten Namen des Widerstands schmückte, die Opfer des NS-Regimes in ihren Reihen aber nicht rehabilitierte –), sicher in erster Linie aber mit der sprachlichen Herausforderung zu tun hat, die sein Nachlass erbringt. Süßheims Tagebuch nämlich, das wegen seiner Dichte, persönlichen Authentizität und Reichhaltigkeit mit dem Victor Klemperers verglichen wurde, ist zum Teil auf Italienisch, überwiegend auf Osmanisch und Arabisch verfasst. Auf seiner Basis wird es möglich, Süßheims Biografie über das partielle, bislang dominierende Interesse der Orientalistik an seiner Person hinaus als paradigmatisches Lebensschicksal eines jüdischen Deutschen zu erfassen und zu analysieren: zwischen Emanzipation und NS-Verfolgung, zwischen wissenschaftlichem Aufbruch im Kaiserreich und akademischem Dünkel an der LMU, schließlich zwischen der von ihm geliebten bayerischen Heimat und dem „Orient“ als Faszinosum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und rettender Anker im letzten Moment.

Die Biografie, betreut von Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin, und Christoph K. Neumann, Inhaber des Lehrstuhls für Türkische Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wurde im Herbst 2019 als Dissertation eingereicht und im Februar 2020 verteidigt. Die Publikation ist im April 2022 bei Metropol erschienen und wird am 27. Juni 2022 im Literaturhaus München vorgestellt.


Er war ein glühender bayerischer Patriot, tiefgläubiger Jude und leidenschaftlicher Orientalist: Der in Vergessenheit geratene Karl Süßheim hat die Grenzen seiner Zeit herausgefordert wie kaum ein anderer. Er wuchs in Nürnberg auf, lebte als junger Mann lange im Nahen Osten. Sein Tagebuch verfasste er auf Italienisch, Osmanisch und Arabisch. Ob über den Aufbruch der Türkei in die Moderne, die Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg oder den Genozid an den Armeniern: Süßheims Notizen geben einzigartige Einblicke in die Ambivalenzen der deutsch-türkischen Geschichte. An der Universität München unterrichtete er bekannte Wissenschaftler wie Gershom Scholem und Franz Babinger, bis die Nationalsozialisten ihn entließen. 1941 sah der zur Emigration gezwungene Professor Istanbul schließlich wieder: Mit seiner Flucht entkam er in letzter Minute dem Holocaust. Die erste Biografie über Süßheim erkundet die Möglichkeitsräume eines deutsch-jüdischen Lebens in einer Welt voller Vielfalt und Ambiguität – und voll von deren Feinden.

ZUR BESTELLUNG


Videogespräch der Ad hoc-AG Zukunftswerte (Multikulturalität & Identität) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) mit Kristina Milz und Barbara Stollberg-Rilinger

Identität im Singular? Biografieschreibung als Schlüssel der Analyse einer Gesellschaft

Die eine als Frau und Herrscherin eine der mächtigsten und bekanntesten Figuren des Ancien Régimes, der andere ein zwar privilegierter, aber an den Grenzen seiner Zeit strauchelnder Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, der weitgehend in Vergessenheit geraten ist – die Habsburger Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) und der deutsch-jüdische Orientalist Karl Süßheim (1878–1947) könnten kaum verschiedener sein. Dennoch haben ihre Biografinnen einen gemeinsamen Anspruch: Untersucht man diese Leben, gewinnen auch die Gesellschaften, in denen die Protagonisten sich bewegten, schärfere Konturen. Was verrät die Rezeption einer Figur über ihr Umfeld? Wie werden die zeitgenössischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Erwartungshaltungen, Regeln und Konventionen am Leben eines Einzelnen sichtbar? Wie kann eine Biografin bewusst eine solche professionell gebotene Perspektive der Fremdheit eingehen, wenn sie zugleich versucht, der porträtierten Person so nah wie möglich zu kommen? Im Gespräch mit Kristina Milz erkundet die Frühneuzeithistorikerin und Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin Barbara Stollberg-Rilinger die Möglichkeitsräume, die die Biografieschreibung für das Verständnis einer Zeit bietet: Die Identität eines Menschen kann nicht im Singular geschrieben werden.

Titelfoto: Privatnachlass Karl Süßheim Lisa R. D’Angelo, Chicago

Weiter Beitrag

© 2022 Kristina Milz

Thema von Anders Norén