Kristina Milz

KRISTINA MILZ IST ZEITHISTORIKERIN, BIOGRAFIN UND FREIBERUFLICHE AUTORIN

Republik der Hutbürger

Zum Unmut des türkischen Präsidenten Erdoğan wird Staatsgründer Atatürk in der Türkei bis heute verehrt wie kein anderer. Und auch hierzulande können sich erstaunlich viele auf Mustafa Kemal als positive Referenz einigen – dabei hatte dieser vor hundert Jahren mit der Gründung der Repubik nicht etwa eine Demokratie errichtet, sondern vielmehr eine Diktatur der Bürgerlichkeit.

IN: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 23.10.2023 (GASTBEITRAG „DIE GEGENWART“)

Atatürk würde die AfD wählen“, stand im Bundestagswahlkampf 2021 auf einem Plakat des AfD-Politikers Marcel Goldhammer. Neben ei­nem Porträt des Gründers der Türkischen Republik, den Blick ernst in die Ferne gerichtet, ist Goldhammer selbst zu sehen, in der gleichen Pose. Dabei handelte es sich nicht um Satire. Über diese Aneignung wurde leidenschaftlich diskutiert. Efgani Dönmez, ein türkischstämmiger Abgeordneter aus Österreich, veröffentlichte auf seiner Website eine flammende Gegenrede. Für ihn ist Mustafa Kemal, der sich als Staatsführer den Namen Atatürk gab, ein Symbol der Säkularen und Progressiven: Im Gegensatz zur AfD stehe er für Rechtsstaat und Demokratie und gegen Rassismus.

Mustafa Kemal, wahrscheinlich 1881 geboren, wird von verschiedensten politischen Richtungen als Referenz herangezogen – in der Türkei ohnehin, aber auch weit darüber hinaus. Dieses Phänomen ist nicht neu: Bereits zu Lebzeiten war der türkische Staatsgründer eine Projektionsfläche für unterschiedliche po­litische Vorstellungen. So verschiedene Persönlichkeiten wie Winston Churchill, Mahatma Gandhi und Adolf Hitler bewunderten Atatürk. Die extreme Rechte in Deutschland sah in ihm sogar ein Vorbild, einen „leuchtenden Stern“, wie Hitler 1933 öffentlich kundtat. Atatürk verkörperte die Erfüllung der Sehnsucht nach dem „starken Mann“, die viele Europäer nach den Erschütterungen durch den Ersten Weltkrieg hegten.

Der erfolgreiche Widerstand gegen die Siegermächte nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg an der Seite der Deutschen hatte Mustafa Kemal nicht nur zu Ansehen im Ausland, sondern auch zu ei­nem zunehmend unangefochtenen Führungsanspruch in der Türkei ver­holfen: Die Gründung der Türkischen Republik am 29. Oktober 1923 war in der öffentlichen Wahrnehmung allein ihm zu verdanken. Das machte ihn zu einer nationalen Identifikationsfigur. Es ist nicht verwunderlich, dass verschiedene nationalistische Strömungen des 20. Jahrhunderts den obersten Streiter für die türkische Sache gern für ihre eigenen nationalen Bestrebungen vereinnahmten.

Unter den Atatürk-Verehrern befanden sich Demokraten und Diktatoren. War Mustafa Kemal so beliebig? Jedenfalls scheint er an verschiedene Weltbilder anschlussfähig gewesen zu sein. Ein Grund für Atatürks allseitige Beliebtheit war sicher, dass er gut darin war, ganz unterschiedliche Ideen für sich und seine Vision einer neuen Türkei nutzbar zu machen. Dabei griff er einzelne Elemente heraus, adaptierte aber nie ein in sich geschlossenes ideologisches Konstrukt. Obwohl er Religiöses eigentlich verachtete, verwendete er lange eine islamische Rhetorik, da dies in einer stark musli­­misch geprägten Gesellschaft erfolgversprechend schien.

Zu seinem Repertoire gehörte auch ein „rein rhetorischer“ Sozialismus, wie Atatürks Biograph M. Şükrü Hanioğlu schreibt. „Der Bolschewismus umschließt die hehrsten Prinzipien und Gesetze des Islam“, behauptete der Präsident einmal vor der Großen Nationalversammlung. Schon 1920 hatte er gegen die „Herrschaft der Bourgeoisie“ pole­misiert. Ausgerechnet dieser Mann, der sich in der Öffentlichkeit kaum je anders als im feinen Anzug zeigte, verteufelte das Bürgerliche? Mitnichten, Mustafa Kemal war lediglich ein Meister der Anpassung, wenn es der Erreichung seiner Ziele diente. Mit pseudokommunistischen Sprachformeln hielt er sich die Sowjetunion gewogen.

Bei allem Pragmatismus hatte Atatürks Blick auf die Welt und sein Land klare Konturen. Der Präsident wollte die Türkei zu einem modernen bürgerlichen Staat umgestalten. Dieses Projekt verfolgte er kompromisslos. Der mit der Republikgründung 1923 an die Macht gelangte Mustafa Kemal stieß eine umfassende kulturelle Revolution an. Zuerst ließ er Konstantinopel, seit Jahrhunderten das Zentrum osmanischen Lebens, durch Ankara als neue Hauptstadt ersetzen, 1924 das Kalifat, den geistlichen Arm der vergangenen Sultansherrschaft, kurzerhand abschaffen.

Im Jahr danach folgte das sogenannte Hutgesetz, das alle Staatsbediensteten verpflichtete, Hüte nach europäischer Mode zu tragen. Der als griechisch „verunglimpfte“ Fez, die seit dem 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich typische türkisch-muslimische Kopfbedeckung, wurde untersagt. 1926 ließ der Präsident den Gregorianischen Kalender einführen. Symbolträchtig verwies er damit die islamische Zeitrechnung in die Geschichtsbücher. Noch im selben Jahr wurde das neue Zivil­gesetzbuch verabschiedet, die islamische Rechtsprechung abgeschafft und das Verbot des Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit aufgehoben.

Der zweifellos tiefste Eingriff in die Gesellschaft kam 1928: Die komplexe osmanische Hochsprache sollte der Vergangenheit angehören, als einzige Amtssprache künftig das Türkische gelten. Mit der Reform, die die Sprache einerseits europäisierte, andererseits türkisierte, durfte nur noch die lateinische Schrift verwendet werden; „fremder“, insbesondere kurdischer Wortschatz wurde verbannt. Die Entscheidung richtete sich nicht nur gegen Minderheiten, sondern war auch als Vorgehen gegen religiöse Traditionen zu deuten, denn die alten Zeichen wurden als Schrift des heiligen Korans interpretiert.

Zeit, sich an die Neuerungen zu gewöhnen, hatten die Türken nicht: Schon ab dem 1. Januar 1929 war der Druck von Büchern in der alten Schrift verboten; im ganzen Land wurden „Schulen der Nation“ gegründet, um die neue Sprache zu verbreiten. 1934 folgte mit dem Familiennamensgesetz eine weitere Reform: Sie ersetzte das komplizierte System der osmanischen Vor-, Bei- und Ehrennamen durch Familiennamen nach europäischem Vorbild und erklärte, wie nebenbei, Mustafa Kemal zum „Vater der Türken“. Den Nachnamen „Atatürk“, der für immer ausschließlich ihm vorbehalten bleiben sollte, hat sich der Präsident selbst aus­ge­sucht.

Bei diesen Maßnahmen zur Umgestaltung der türkischen Gesellschaft orientierte sich Mustafa Kemal offensichtlich am Westen. Um diese Blickrichtung zu verstehen, muss man sich seine frühe Biographie vor Augen führen. Auch ein durchsetzungsstarker Politiker wie Atatürk griff auf das zurück, was seine Zeit für ihn bereithielt. Bei ihm kann man drei Ideenstränge benennen, derer er sich bediente. Atatürk griff erstens auf die vielgestaltigen Reformbemühungen des Osmanischen Reichs aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, die unter dem Schlagwort „Heilsame Neuordnungen“ als Tanzimat-Zeit bezeichnet werden. Die kulturelle Revolution in den 1920er- und 30er-Jahren war nicht die radikale Negation aller osmanischen Vergangenheit, zu der sie von Historikern lange gemacht wurde: Der Übergang vom spät­osmanischen Reich zur Türkischen Republik war zweifellos von Brüchen ge­prägt, aber auch von Kontinuitäten.

Zweitens waren Mustafa Kemals Vorstellungen von den Diskursen in der sogenannten jungtürkischen Bewegung geprägt, die sich Ende des 19. Jahrhunderts zunächst als geheime Opposition zum Sultan formiert hatte. Beide Phänomene setzten ihrerseits, drittens, auf zentrale Ideen und Werte, die seit der Aufklärung insbesondere im Westen Europas im Umlauf waren. Mustafa Kemal kam mit diesem Gedankengut früh in Kontakt, denn er verbrachte Kindheit und Jugend in ei­nem überaus kosmopolitischen Klima.

Der Sohn einer relativ wohlhabenden und gebildeten Familie der muslimischen Mittelschicht wurde in Selanik, dem heute griechischen Thessaloniki, geboren. Es war die einzige Großstadt in Europa mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit: Etwa 49.000 Juden lebten hier neben 25.000 Muslimen und 11.000 Christen; innerhalb der einzelnen Glaubensrichtungen herrschte eine große ethnische Vielfalt. Hinzu kamen rund 7000 nicht-osmanische Staatsangehörige aus Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Russland. Aus diesem Gemisch ging eine muslimische Oberschicht hervor, die entschieden westlich orientiert war.

Mustafas Vater Ali Riza, ein Zollbeamter, schickte seinen Sohn auf eine moderne, säkular orientierte private Schule. Nach dem frühen Tod des Vaters zog Mustafa im Alter von sieben Jahren mit seiner Mutter Zübeyde, die sich die Schulgebühren und das Stadtleben nicht mehr leisten konnte, aufs Land. Aus Sorge um seine berufliche Zukunft durfte er indes bald zurückkehren; er lebte bei seiner Tante und besuchte eine zivile Vor­bereitungsschule. Mit 13 Jahren bewarb Mustafa sich bei einer Militärschule. Diese Schulen waren mit deutscher Hilfe im preußisch-soldatischen Geist modernisiert worden. Die dadurch demonstrierte technische und wissenschaftliche Überlegenheit aus Westeuropa war für viele junge Osmanen schmerzhaft; der Militärschüler Mustafa Kemal soll sie als geradezu beschämend empfunden haben. Ins­besondere in diesem Milieu wuchs auch die Unzufriedenheit mit der politischen Führung des Reichs.

Der Sultan dieser Zeit, Abdülhamid II., duldete vor dem Hintergrund des Zerfalls des osmanischen Vielvölkerstaats Widerspruch immer weniger. 1908 aber erzwangen Oppositionelle eine Reaktivierung der Verfassung und des Parlaments, in dem sie fortan dominierten. Die Jungtürken, wie sie sich nannten, waren tief geprägt von europä­ischen Ideen. Sie setzten sich lebhaft mit französischer, deutscher, britischer Literatur und Philosophie auseinander. Auch Mustafa Kemal, der sich in diesen Kreisen bewegte, dachte darüber nach, wie zentrale Denkfiguren der europäischen Moderne für türkische Verhältnisse fruchtbar gemacht werden konnten.

Neben dem Wunsch nach Bildung der Bevölkerung waren für ihn insbesondere Säkularismus und Nationalismus zentral; die Kategorien Rasse und Nation prägten sein Denken. Das jungtürkische Milieu war offen für das problematische Gedankengut, das damals in der europäischen Elite gedieh. Wie in den bürgerlichen Zirkeln in Paris oder Berlin gingen auch im Osmanischen Reich mit dem Fortschrittsgedanken bald sozialdarwinistischer Rassismus, aggressiver Nationalismus und autoritäre Herrschaftsideale ein­her. Von der Toleranz der Gründer­väter der jungtürkischen Bewegung, die für starke Minderheitenrechte eintraten, rückten die neuen osmanischen Machthaber ab. Diese Entwicklung fand ihren schrecklichen Höhepunkt im Genozid an den Armeniern und anderen osmanischen Christen während des Ersten Weltkriegs.

Der junge Offizier Mustafa Kemal war daran nachweislich nicht beteiligt. Politisch stand er wegen seiner Rivalität mit Enver Pascha, einem der führenden Jungtürken, ohnehin lange im Abseits. Im Weltkrieg aber wurde er zu einem gefeierten Helden: an drei Fronten im Einsatz, berühmt für seine Rolle bei der erfolgreichen Abwehr der britisch-fran­zösischen Angriffe in der Schlacht von Gallipoli 1915/16, dem Höhepunkt der deutsch-osmanischen Waffenbrüderschaft.

Im letzten Kriegsjahr hielt sich Mus­tafa Kemal zur Behandlung einer Krankheit im Frühjahr 1918 im böhmischen Karlsbad auf, das während des Krieges ein beliebter Treffpunkt der besseren Ge­sellschaft blieb. Die scheinbar welt­offene Atmosphäre des Kurorts begeisterte ihn: So stellte er sich eine moderne Gesellschaft vor. Mustafa Kemal nahm in Karlsbad Deutsch- und Französisch­stunden, las Balzac und Bücher über die Französische Revolution und wandelte zwischen Grand Hotel Pupp und Café Imperial. Besonders beeindruckt war er von den vielen unverschleierten, selbstbewusst und unabhängig wirkenden Frauen, die er in Karlsbad traf.

Eines Abends, so beschreibt es der deutsche Atatürk-Biograph Klaus Kreiser, schwang sich der Offizier vor anderen türkischen Kurgästen zu einer emotionalen Rede auf, die er in seinem Tagebuch festhielt. Er rühmte sich seines Wissens und „zivilisierten Lebens“. Über die „einfachen Leute“ sagte er: „Ich werde sie auf meine Stufe heraufholen, ich möchte nicht wie sie werden, sie sollen werden wie ich.“ Bereits hier, Jahre vor der Gründung der Türkischen Republik, wird deutlich, wie eng seine Vorstellung von der wünschenswerten türkischen Gesellschaft mit einem elitären Habitus verwoben war. Wie unter einem Brennglas zeigt sich Atatürks Ideal eines solchen bürgerlichen Lebens schließlich am Verhältnis zu seiner Frau Latife. Für sie hatte der Präsident eine besondere Rolle vorgesehen: das Vorbild der neuen tür­kischen Frau, der türkischen Bürgerin an der Seite des türkischen Bürgers.

Latife Hanim, wie sie in der Türkei genannt wird, Jahrgang 1899, entstammte einer reichen und angesehenen Händlerfamilie aus Izmir. Ihr Vater war als international tätiger Geschäftsmann westlich orientiert, integrierte aber osmanische Traditionen in seinen Lebensstil. Im Gar­ten der Familie wurden sowohl Bridgespiele veranstaltet als auch die islamischen Feste gefeiert. Besonderer Wert wurde in der Familie auf Bildung ge­legt. Im Alter von vier Jahren bekam Latife bereits Englischunterricht. Danach lernte sie Französisch, Deutsch und Latein. Sie wurde sogar – in der osmanischen Gesellschaft nicht selbstverständlich – gemeinsam mit ihren Brüdern un­terrichtet. Mit 14 wurde Latife nach Konstantinopel geschickt, wo sie eine amerikanische Schule besuchte. Auch ihr musisches Talent wurde gefördert: Drei Jahre lang erhielt Latife Unterricht von der Pianistin Anna Grosse-Rilke, der Nichte des Dichters.

Während der Zeit der griechischen Besatzung Izmirs ab 1919 besuchte Latife zunächst eine Mädchenschule in England, an der offene Debattierrunden über Frauenrechte oder Pressefreiheit stattfanden. Danach studierte sie Jura in Paris, wo sie sich vor allem in der avantgardistischen Kunstszene aufhielt. Die junge Frau ging allein ins Theater, besuchte Ausstellungen, trug keinen Schleier und genoss das Leben im Herzen Frankreichs. Nach drei Jahren im Ausland kehrte Latife in die Türkei zurück, um ihre kranke Großmutter zu pflegen.

In der Villa ihrer Familie traf sie auf Mustafa Kemal, der inzwischen zum Anführer der türkischen Unabhängigkeitsbewegung geworden war und just dort sein Hauptquartier errichtet hatte. Seine Differenzen mit der jungtürkischen Führung und ihren deutschen Verbündeten spielten nach der Niederlage im Weltkrieg keine Rolle mehr. Der Kriegsheld, dessen Name nach Gallipoli in Jubelgedichten erklungen war, konnte politisch nicht länger ignoriert werden. Nun organisierte er den Widerstand gegen die Siegermächte.

Vor Gewalt schreckte Mus­tafa Kemal nicht zurück: 1922/23 erfolgte eine ethnische „Säuberung“, bei der Millionen Menschen ihre Heimat verloren und nicht wenige umkamen; im Vertrag von Lausanne wurde das später als türkisch-griechischer „Bevölkerungsaustausch“ legitimiert. Für Latife kein Grund, von der Seite des bald zum Präsidenten aufsteigenden Mannes zu weichen. Dieser schätzte ihre Fähigkeiten als Dolmetscherin in Gesprächen mit ausländischen Journalisten. Bald beriet sie ihn auch in strategischen Fragen. Scherzhaft nannte er sie „Adjutant“.

Die Heirat mit Latife kommentierte Mustafa Kemal einmal mit dem Satz, er habe in seiner Ehe „die Seite der Demokratie gewählt“. Das Paar wurde zwar nach religiösem Brauch getraut, brach aber mit Konventionen: So wurde Latife nicht durch einen Vormund vertreten, sondern saß selbst am Tisch. Als erste Frau war sie als Zuhörerin im türkischen Parlament und hörte eine Rede des Präsidenten, die sie selbst mitentworfen hatte. Das Paar pflegte in der Öffentlichkeit einen demonstrativ bildungsbürgerlichen Habitus: „Meine Liebe, spiele uns doch zum Abschied Tschaikowski“, wird Mustafa Kemal zitiert. Die Ehe aber hielt nur zwei Jahre. Der Einfluss der Frau an Atatürks Seite war seinen Beratern suspekt. Vermutlich auf deren Drängen hin ließ er sich scheiden – bezeichnenderweise nach islamischem Scheidungsrecht, gerade noch rechtzeitig, bevor er es abschaffte, um die Rechte der Frauen zu stärken.

Später investierte er in die Bildung verschiedener Adoptivtöchter. Früher als in vielen europäischen Ländern wurde in der Türkei 1920 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt; 1934 folgte auch das passive Wahlrecht. Die fortschrittliche Frauenpolitik war ein besonders augenfälliges Argument für Mustafa Kemals Ruf, die Moderne in den „rückständigen Orient“ gebracht zu haben. Aber war Atatürk deshalb auch ein Demokrat?

Wohl kaum: Der demokratische Parlamentarismus war in der Türkischen Republik bloße Fassade. Von Beginn an hatte die CHP, die „Republikanische Volkspartei“ des Staatsgründers, das Sagen, und die Gründer der ersten Oppo­sitionspartei fanden sich schnell vor Gericht oder im Exil wieder. Seine Abneigung gegenüber demokratischen Prozes­sen formulierte Atatürk von Beginn an offen: „Weder die Souveränität noch das Sultanat erlangt man in Debatten oder Diskussionen“, fand er. Die Nationalversammlung solle sich ihm nicht in den Weg stellen, warnte er weiter, denn dabei würden „durchaus Köpfe rollen“. In den nichthagiographischen Biographien wird Atatürk daher auch als Diktator bezeichnet oder zumindest sein Verhalten als quasi-diktatorisch beschrieben.

Die Türkische Republik jedoch einfach in die Militärdiktaturen des 20. Jahrhunderts oder gar in die Faschismen ihrer Zeit einzureihen würde bedeuten, den wichtigsten Orientierungspunkt von Atatürks Handeln, die Schaffung einer bürgerlichen Kultur in der Türkei, unsichtbar zu machen. Anders als andere Autokraten war Mustafa Kemal weder besonders militaristisch noch imperialistisch orientiert; er fokussierte sich ganz auf sein Mo­dernisierungsprojekt im Inneren, das oftmals als „Erziehungsdiktatur“ beschrieben wurde.

Atatürks Gegner bedrohten die Türkei nicht von außen, er bekämpfte vielmehr die Anhänger des alten osmanischen Systems, die die gesellschaftliche Umwälzung ablehnten – Män­ner insbesondere, die von der alten Stärke längst vergangener Jahrhunderte träumten und die Religion als Grundlage der Macht betrachteten. Ein Weltbild, das der heutige türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wieder kultiviert.

Der Atatürk-Kult hat sich in der Türkei längst von der historischen Figur gelöst, sonst hätte Erdoğans Regime die omnipräsenten Porträts des Staatsgründers wohl schon verboten. Noch immer führen Staatsbesuche stets auch zum Atatürk-Mausoleum in Ankara. In besonders Erdoğan-treuen Kreisen der türkischen Gesellschaft ist aber schon lange eine deut­liche Abkühlung in der Atatürk-Vereh­rung zu spüren.

In einem Punkt wären die beiden Präsidenten sich allerdings einig: Eine Anerkennung der historischen Schuld seiner jungtürkischen Vorgänger am armenischen Volk lehnte bereits Atatürk rigoros ab. Nicht wenige Vertreter des türkischen Bürgertums hatten vom Genozid pro­fitiert, nicht wenige Jungtürken, die für den Genozid mitverantwortlich waren, blieben in der Republik wichtige Funk­tionäre – und auf genau diese Gruppen stützte sich Atatürks Staats- und Gesellschaftsideal.

Minderheiten und Andersdenkende wurden unterdrückt. Und wenngleich die Türkische Republik im blutigen 20. Jahrhundert nicht besonders an Brutalität hervorstach: Schon Mitte der 1920er-Jahre wurde ein Aufstand kurdischer Stämme niedergeschlagen, im Anschluss wurden oppositionelle Zeitungen und Grup­pie­rungen verboten. Noch kurz vor Atatürks Tod 1938 bezahlten Tausende Kurden in der ostanatolischen Region Dersim eine Rebellion mit dem Leben.

Wer sich dem großen Projekt des Staatsgründers in den Weg stellte, hatte es im neuen türkischen Staat von Beginn an besonders schwer. Als 1925 das erwähnte Hutgesetz (das heftigeren Widerspruch hervorrief als die Abschaffung des Kalifats) sogenannte Hutgegner hervorbrachte, wurden diese vor re­pu­bli­ka­nische „Unabhängigkeitstribunale“ ge­stellt, Anführer öffentlicher Proteste mitunter sogar zum Tode verurteilt. Atatürks Diktatur der Bürgerlichkeit, wie man dieses Herrschaftssystem bezeichnen könnte, begegnete unterschiedlichen Schichten und Gruppierungen also höchst verschieden.

Mustafa Kemal baute im Land eine Art neues Bürgertum auf, dem er weitgehend freie Hand ließ, solange es ihn in seiner Stoßrichtung nicht behinderte. Er hoffte darauf, möglichst viele Menschen in diese Schicht hinüberzuführen oder, wie er es genannt hatte, auf diese Stufe zu heben. Für traditionell ausgerichtete Menschen aber – Minderheiten, die ihre kulturellen Besonderheiten pflegen wollten, widerständige religiöse Autoritäten, die ihre Autorität nach und nach verloren oder die von ihm gegeißelte „Bourgeoisie“, die ihren Wohlstand nicht mit einer neuen Elite teilen wollte – hatte der oberste Volkserzieher wenig Geduld übrig: Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Dass Atatürk dabei Leitbildern folgte, die ihm im Westen hoch angerechnet werden, sollte darüber nicht hinwegtäuschen.

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Die Verfasserin ist Historikerin am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Titelbild: Mustafa Kemal Atatürk im Gespräch mit Bürgern in den 1930er Jahren in Istabul. (Wikimedia)

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